SEMINARBERICHT NAMIBIA

Deutsche Kolonialgeschichte und die Republik Namibia
im Jahr 30 der Unabhängigkeit 15.02. - 01.03.2020


Nachdem im Nachgang zur Berliner Kongo-Konferenz von 1884 auch das Deutsche Kaiserreich eine eher expansive Kolonialpolitik betrieb, geriet Südwestafrika unter deutschen Einfluss. Auch wenn sich heute die Beziehungen zwischen dem seit 30 Jahren von Südafrika unabhängigen Staat Namibia und der Bundesrepublik normalisieren, lastet doch der Massenmord an den Herero immer noch auf dem Verhältnis.

Unser Studienseminar hat sich mit Fragen deutscher Kolonialgeschichte, aber auch mit wirtschaftlichen, kulturellen, politischen und touristischen Aspekten dieses faszinierenden Landes auseinandergesetzt, das nicht von ungefähr mit dem Motto „Luxus der Weite“ wirbt.
Im Rahmen eines einführenden Wochenendseminars in Königswinter haben wir uns in Arbeitsgruppen mit Fragen imperialer Macht und Zivilisierungsmissionen sowie der aktuellen Debatte um Schuld und Aussöhnung auseinandergesetzt. Fachreferenten/-innen haben uns in die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen der Republik Namibia eingeführt. Wir haben Beispiele entwicklungspolitischer Zusammenarbeit kennengelernt und uns mit den Auswirkungen chinesischen und nordkoreanischen Engagements in Afrika beschäftigt.

Umfassend vorbereitet haben wir uns so am 15.02. mit einem Direktflug auf den Weg in die namibische Hauptstadt Windhoek gemacht. Nach einer überaus freundlichen Aufnahme im Safari Court Hotel konnten wir am ersten Nachmittag auf den Spuren der deutschen Kolonialzeit wandeln, am Freiheitsdenkmal das nordkoreanische Engagement erkennen und mit dem Township Katutura den „Ort, an dem man nicht sein will“, kennenlernen.

Unser zweiter Tag in der Hauptstadt war geprägt von politischen Gesprächen in verschiedenen Institutionen, wobei wohl insbesondere das Engagement der Pastoren Rudolf Schmid und André Graf in der Christuskirche und die Arbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung, vorgestellt durch deren Leiter Thomas W. Keller, in Erinnerung bleiben werden.

Den Vormittag unseres nächsten Reisetages verbrachten wir in „Heroes Acre“ einer Gedenkstätte für die Freiheitskämpfer des Unabhängigkeitskrieges. Auch hier entließ uns die nordkoreanische Architektur ein wenig ratlos, und es fiel uns schwer zu beurteilen, ob der Anspruch Sam Nujomas, des erste Staatspräsidenten, einen Ort für alle Namibier zu schaffen, wirklich eingelöst worden ist.


Nach aufrüttelnder Fahrt erreichten wir am Abend die Namib Desert Lodge und wurden aufgenommen wie bei Freunden.

Noch vor Sonnenaufgang starteten wir am nächsten Morgen in die Dünenlandschaft rund um die Lehmpfanne des Sossusvlei. Beeindruckende Farben und Landschaften entschädigten für das frühe Aufstehen und gekrönt wurde der Tag durch eine späte Ausfahrt mit Samuel Shingemba, der uns das Thema Wasserbau und Wasserwirtschaft näher brachte. Der abschließende Sundowner wird in unvergesslicher Erinnerung bleiben.


Am Morgen des sechsten Reisetages machten wir uns auf den Weg nach Swakopmund. Auf der Fahrt passierten wir den Gaub Pass und wanderten im Kuiseb Canyon auf den Spuren der deutschen Geologen Henno Martin und Hermann Korn, die sich auf der Flucht vor Nazi-Deutschland für fast zwei Jahre in diese unwirtliche Wüste zurückgezogen hatten.
In Swakopmund begegnete uns die Kolonialzeit auf Schritt und Tritt. Deutsche Straßennamen, Bäderarchitektur und – wir registrieren es mit Erstaunen – ein Kriegerdenkmal für gefallene deutsche Soldaten an zentraler Stelle der Innenstadt.


Nachdem wir am Vormittag des nächsten Tages bei einer Katamaranfahrt den Nachbarort Walfisch Bay kennengelernt hatten, erklärte uns am Nachmittag der ehemalige Stadtdirektor von Swakopmund, Eckhard Demasius, den administrativen und politischen Aufbau der Stadt und die systemrelevante Rolle der deutschen Minderheit in Namibia. Es wurde deutlich, dass unsere kritischen Nachfragen zu Verteilung von Armut und Reichtum, zu Bildungsmöglichkeiten und Chancengleichheit nicht wirklich verstanden wurden, und dass man Veränderungen eher kritisch gegenübersteht.


Auf unserer Weiterfahrt in den Etosha Nationalpark ließen wir uns von Desiree Naobes das UNESCO-Weltkulturerbe, die historischen Felszeichnungen von Twyfelfontein, erklären.

 

Die nächsten zwei Tage unserer Reise standen ganz im Zeichen beeindruckender Naturerlebnisse. Neben bizarren Landschaften und Tierbeobachtungen beschäftigten wir uns mit der Geschichte des Nationalparks und der Vereinbarkeit von Naturschutz und Tourismus. Eigentlich hatten wir bei der Vorbereitung und Planung keine weiteren Höhepunkte mehr vorgesehen, aber unser Fahrer Nelson sorgte dann doch für eine ungewollte Programmänderung. Er steuerte unseren Bus mit Wucht in ein Wasserloch und sorgte dafür, dass wir schon frühzeitig in die Geländewagen der Mokuti Lodge umsteigen mussten.


Nach dem Besuch des Tsumeb Museums mit seinen Ausstellungsstücken zur deutschen Kolonialgeschichte und einer Zwischenübernachtung im Otjiwarongo erreichten wir am darauffolgenden Tag die Region am Waterberg. Unser fast ganztägiger Aufenthalt auf der Farm Hamakari stand zunächst ganz im Zeichen der Aufarbeitung des Genozids 1904/1905.

 

Sabine und Wilhelm Dickmann, die in der vierten Generation auf Hamakari leben, erläuterten uns die historische Bedeutung der Farm als Austragungsort der Kämpfe und waren interessante Gesprächspartner in einer durchaus kontrovers geführten Diskussion um Schuld und Versöhnung. Am Nachmittag bekamen wir dann noch einen Einblick in nachhaltige, ökologische Landwirtschaft und ein zukunftsorientiertes Beteiligungsmodell für die Mitarbeitenden auf der Farm.

Nach dem Besuch des Tsumeb Museums mit seinen Ausstellungsstücken zur deutschen Kolonialgeschichte und einer Zwischenübernachtung im Otjiwarongo erreichten wir am darauffolgenden Tag die Region am Waterberg. Unser fast ganztägiger Aufenthalt auf der Farm Hamakari stand zunächst ganz im Zeichen der Aufarbeitung des Genozids 1904/1905.

 

Sabine und Wilhelm Dickmann, die in der vierten Generation auf Hamakari leben, erläuterten uns die historische Bedeutung der Farm als Austragungsort der Kämpfe und waren interessante Gesprächspartner in einer durchaus kontrovers geführten Diskussion um Schuld und Versöhnung. Am Nachmittag bekamen wir dann noch einen Einblick in nachhaltige, ökologische Landwirtschaft und ein zukunftsorientiertes Beteiligungsmodell für die Mitarbeitenden auf der Farm.

Unsere letzten beiden Seminartage begannen mit einem Besuch der 1916 gegründeten, deutschsprachigen Allgemeinen Zeitung. Chefredakteur Frank Steffen empfing unsere Gruppe und wir hatten die Möglichkeit, nahezu sämtliche Facetten namibischer Innen- und Außenpolitik zu diskutieren. Auch das nicht immer spannungsfreie Verhältnis der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen im Land kam dabei zur Sprache. Es wurde deutlich, dass ohne die Zustimmung der Regierungs- und Bevölkerungsmehrheit der Ovambo eine Aussöhnung mit der Herero-Minderheit kaum möglich sein wird.
Ein völlig anderes Thema beschäftigte uns dann am Nachmittag. Quintin Hartung stellte uns als Vertreter der Gondwana Gruppe ein Konzept für nachhaltige Tourismusentwicklung vor. In enger Abstimmung mit den beteiligten Kommunen und mit einem eigenen Konzept für Aus- und Fortbildung wird hier nicht auf kurzfristige Gewinnmaximierung gezielt, sondern auf eine langfristige Verbesserung

der Lebensbedingungen der Beschäftigten.
Den krönenden Abschluss unseres Programms bildete dann das Gespräch mit Lucia Engombe und Nangula Hishoono. Beide waren zusammen mit

vielen hundert Kindern als junge Mädchen im Rahmen einer humanitären Aktion von der DDR aufgenommen worden und wurden so vor den Schrecken der Befreiungskämpfe in Sicherheit gebracht. Sie berichteten in bewegenden Worten von ihrer deutschen Sozialisation und ihren Schwierigkeiten, nach

der Rückkehr in Namibia wieder Fuß zu fassen. Bis heute haben beide enge Bindungen nach Deutschland, sind aber mittlerweile in ihrem Heimatland angekommen.

Nach einer letzten Entspannungsphase am Pool verabschiedeten wir uns von unseren Gastgebern im Safari Court Hotel und machten uns mit unvergesslichen Bildern und Eindrücken auf die Heimreise. Erst bei unserer Rückkehr in Frankfurt wurde uns klar, welche Dimensionen Corona mittlerweile angenommen hatte und ein angedachtes Nachtreffen fiel dann leider dem Lockdown zum Opfer. Wir sind aber sicher, die Gruppe wird zusammenhalten und sicherlich werden wir uns an dem einen oder anderen Standort des DEPB wiedersehen – wenn das Virus seine Dominanz verloren hat.    
                                                                                                                                                                                                                                                 K. R.