SEMINARBERICHT LETTLAND / ESTLAND

Eindrücke des vom Deutschland- und Europapolitischen Bildungswerk

organisierten Studienseminars in Lettland und Estland
12.09. – 19.09.2021


Nachdem wir im Jahre 2000 auf einer Fahrt durch die drei baltischen Staaten uns einen ersten Eindruck von den touristischen Highlights verschaffen konnten, hatte das vom DEPB geplante Studienseminar das Ziel, einen Blick hinter diese touristische Kulisse zu werfen und die Folgen der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen in den beiden Ländern seit 1989 besser zu verstehen. Bei den Gesprächen u.a. mit zwei Vertretern der Friedrich-Ebert-Stiftung in Riga, sowie den Ausführungen des stellvertretenden Botschafters in Tallinn, Herrn Langer, erhielten wir viele interessante Informationen zu den folgenden Themen: Der große Bruder nebenan und die russische Minderheit in Lettland und Estland

Das außenpolitische Verhältnis zur ehemaligen Okkupationsmacht Russland muss, insbesondere seit der völkerrechtswidrigen Besetzung der Krim, als angespannt angesehen werden. Die russische Regierung versucht über die Medien (Fernsehen, Zeitungen) sich immer wieder in die inneren Angelegenheiten der beiden Staaten einzumischen. Dabei wendet sie sich vor allem an die russische und russischsprachige (Ukrainer, Weißrussen) Minderheit, die in den beiden Staaten etwa 1/4 der Bevölkerung ausmacht. Die aus Russland stammende Bevölkerung, die ab 1945 als Industriearbeiter in den Städten angesiedelt wurde, ist keinesfalls homogen. Die jüngeren Russen (sogenannte Eurorussen), die in der Schule die jeweilige Landessprache gelernt haben, bemühen sich, die estnische oder lettische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Voraussetzung dafür ist eine Sprachprüfung und eine Prüfung in „Staatsbürgerkunde“, die mit unserem Einbürgerungstest vergleichbar ist. Ein Teil der Russen möchte weiterhin ohne Visum nach Russland reisen können und ist an einem EU-Pass nicht interessiert (sogenannte „Graupässler“). Obwohl sie staatenlos sind, haben sie das Wahlrecht und stimmen bei nationalen Wahlen für die russische Partei. Keine der anderen Parteien ist jedoch bereit, mit dieser zu koalieren. Der russischen Bevölkerung in den beiden Großstädten Riga (insgesamt 1 Million Einwohner) und Tallinn (ca. 400.00 Einwohner) ist durchaus bewusst, dass sie, auch auf Grund hoher Auslandsinvestitionen der skandinavischen Staaten, einen höheren Lebensstandard und mehr politische Freiheiten genießen als die Bürger Russlands. Sie weiß es zu schätzen, als Minderheit, deren Rechte respektiert werden, in einem Teil der westlichen Welt zu leben. Das zwischenmenschliche Verhältnis zwischen Esten/Letten und Russen gilt als entspannt, zumal viele Esten und Letten zweisprachig sind.
In Puncto Mitgliedschaft in der EU und NATO (seit 2004) gibt es in beiden Staaten hohe Zustimmungswerte in der Bevölkerung. Die nicht aufgearbeiteten Gräueltaten während der russischen Okkupation von 1945 – 1989 sowie die Verschleppung Zehntausender von Menschen in sibirische Arbeitslager sind keinesfalls vergessen, wie eine Ausstellung im Okkupationsmuseum, der früheren ehemaligen KGB-Zentrale, in Riga exemplarisch verdeutlicht.

Digitalisierung
Estland und Lettland haben das schwedische System der Personalnummer für jede/n Bürger/in übernommen, die er/sie bei seiner Geburt erhält. Über diese Nummer läuft die Kommunikation mit Behörden und Gerichten, Banken, Krankenhäusern, sowie Ärzten und Versicherungen aller Art. Die staatliche Verwaltung gilt als moderner und effizienter als in Deutschland. Auch der Datenschutz ist anders organisiert: Jede/r Bürger/-in kann überprüfen (lassen), wer auf seine persönlichen Daten zugegriffen hat. Sollte er /sie den Verdacht haben, dass Datenmissbrauch vorliegt, kann er sich an einen Ombudsmann/-frau wenden, der bei Bestätigung des Verdachtes drastische Strafen verhängt.
Die beiden dünnbesiedelten Länder mit der geographischen Größe Bayerns (Lettland) bzw. Niedersachsens (Estland) können mit einem flächen-deckenden WLAN-Netz mit schnellen Internetverbindungen aufwarten.

Die gute digitale Infrastruktur und die niedrigen Gehälter für IT-ler haben dazu geführt, dass eine Reihe von europäischen Firmen ihre IT-Zentren in Estland angesiedelt haben (so z.B. das deutsche Logistikunternehmen Kühne und Nagel mit 450 Arbeitsplätzen).

Umwelt
Unter allen 27 EU-Ländern nimmt Estland bezüglich des CO2-Ausstoßes pro Einwohner den letzten Platz ein. Dies liegt daran, dass die Elektrizitätsversorgung des Landes zu einem erheblichen Teil auf der Verbrennung von Öl basiert, das in der Nähe der Stadt Narva (90.000 Einwohner, vorwiegend Russen) an der Grenze zu Russland unter Inkaufnahme großer Umweltschäden aus Ölschiefer gewonnen wird. Die Umstrukturierung der Energieerzeugung geht auch deshalb nur langsam voran, weil in der Fracking-Industrie vorwiegend russische Arbeiter beschäftigt sind, deren Arbeitsplätze in Zukunft wegfallen werden, da Estland sich verpflichtet hat, die EU-Klimaziele einzuhalten. Die Regierung ist bemüht, diese Erblast aus der Besatzungszeit abzubauen und die erneuerbaren Energien zu fördern. Neben Kraftwerken, in denen Holzpellets verbrannt werden, werden Windräder, Solardächer und Erdwärme gefördert. Der hohe Energiebedarf pro Einwohner rührt auch daher, dass ein großer Teil der Bevölkerung in Riga und Tallinn weiterhin in schlecht isolierten und herunter gekommenen Plattenbausiedlungen aus der Sowjetzeit wohnt, die nach und nach durch moderne Neubauten ersetzt werden sollen. Wie CO2-neutrales Bauen auf dem Land aussehen könnte, wurde uns vom Leiter eines Werkes am Rande des Gauja-Nationalparkes gezeigt, in dem moderne CO2-neutrale Holzblockhäuser hergestellt wurden, die dank moderner Verbundtechnik gut isoliert waren und über Erdwärme/oder Warmluft beheizt wurden.

Große Fortschritte wurden seit dem EU-Beitritt auch bei der Klärung der Abwässer gemacht. Diese wurden bis 1991 ungeklärt in die Flüsse und ins Meer eingeleitet. Durch den Bau von Kläranlagen mit EU-Mitteln wurden diese Umweltsünden beseitigt, so dass an der der Millionenstadt Riga vorgelagerten sandigen Küste bei Jurmala heute wieder gebadet werden kann.

 

Kulturelles Erbe
Der Begriff des Baltikums ist bei Letten und Esten nicht besonders beliebt, weil er die großen konfessionellen und sprachlichen Unterschiede zwischen den drei Staaten verwischt. Während Litauen katholisch blieb, setzte sich in Lettland und Estland unter dem Einfluss deutscher Pastoren und Prediger im 16. Jahrhundert die Reformation durch. Auch die Sprachen unterscheiden sich erheblich. Estnisch und Finnisch gehören zur finno-ugrischen Sprachfamilie. Die Verwandtschaft ist so eng, dass Esten und Finnen sich verständigen können, wenn sie jeweils ihre Muttersprache sprechen. Die Esten konnten auch zur Sowjetzeit finnisches Fernsehen empfangen. Lettisch und Litauisch gehören zum indogermanischen Sprachraum und stellen neben den romanischen, germanischen und slawischen Idiomen eine eigene Sprachgruppe dar.

 

Verständigungssprache ist häufig noch das Russische, welches auf Grund der Globali-sierung und der Nutzung der sozialen Medien in der jüngeren Generation nach und nach durch Englisch ersetzt werden dürfte. An der 1802 vom russischen Zaren gegründete deutsch-sprachige Universität Tartu (früher Dorpat) erfuhren wir durch die Leiterin der germanistischen Abteilung, dass etwa 20% der estnischen Substantive der deutschen Sprache entlehnt sind. Wörter wie kirik (Kirche) loss (Schloss), klaas (Glas) paber (Papier) vein (Wein)

postkontor (Postamt) wurden auf Grund des dominierenden kulturellen Einflusses der Deutschbalten von den Esten in ihre Sprache übernommen. Ein weiteres Erbe der Deutschbalten, die als Großgrundbesitzer über Jahrhunderte die einflussreiche Oberschicht in Lettland und Estland bildeten, sind die von großen Parks umgebenen, repräsentativen Herrenhäuser von Familien wie Stackelberg, Ungern-Sternberg, von Focks und Palme, von denen ein Teil auf Grund von Umnutzung als Schulen, Kulturhäuser und Kinderheimen die Sowjetzeit überstanden haben und heute, mit EU-Mitteln zu Hotelanlagen, Restaurants oder Museen umgebaut, von Touristen und Einheimischen genutzt werden.

 Viele dieser Güter sind bereits im späten Mittelalter entstanden, als der deutsche Orden und die Bistümer die eroberten Gebiete an Vasallen deutscher Herkunft vergaben. Die Feudalherrschaft wurde in Estland durch etwa 100 Vasallenburgen gesichert, von denen viele noch als Ruinen erhalten sind.

Die Zeit der etwa 200.000 Deutschbalten ging in den ersten 40 Jahren des 20. Jahrhundert durch die Plünderungen als Folge der russischen Revolution von 1905 sowie durch die Zerstörungen und Enteignungen während Unabhängigkeitskriege der baltischen Staaten gegen Russland (1917 – 1921) und letztlich durch den Hitler-Stalin-Pakt im August 1939 zu Ende. Im Rahmen der „Heim ins Reich“ Politik des NS wurden die verbliebenen 60.000 Baltendeutsche in den Warthegau (Westpolen) zwangsweise umgesiedelt.


FAZIT
Der zweite Versuch der drei baltischen Staaten, ihre nationale Unabhängigkeit zu erreichen und zu bewahren steht nach meinen Reiseeindrücken auf einer soliden Grundlage. Insbesondere der EU-Beitritt 2004 hat dazu geführt, dass das Baltikum wirtschaftlich gegenüber den Altmitgliedern stark aufgeholt hat. So liegt zwar das BIP in Estland mit 25.100 Euro pro Kopf der Bevölkerung unter dem deutschen BIP (36.900 Euro), nähert sich aber mit 86 % dem Durchschnitt aller EU-Länder an. Insbesondere im Vergleich zu Ländern wie Bulgarien und Rumänien, die ebenfalls 2004 der EU beitraten, haben sich die baltischen Staaten besser entwickelt. Sie sind inzwischen völlig unabhängig von Lebensmittel- und Energieeinfuhren aus Russland, das diese Länder 1988/89 keinesfalls friedlich in die Unabhängigkeit entlassen wollte. Diese musste von der Bevölkerung auf Barrikaden und mit machtvollen Demonstrationen erkämpft werden. Die größte fand am 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes statt. Am 23.8.1989 bildete sich zwischen den Hauptstädten Tallinn und Vilnius über eine Entfernung von 600 km eine Menschenkette, die mehr als 1 Million Teilnehmende umfasste. Sie war Ausdruck eines unbeugsamen Patriotismus, der bei den Esten schon in den Jahren davor bei großen Sängerfesten gefeiert wurde, an denen zehntausende von Menschen teilnahmen. Über die mündliche Tradition des Singens von Volksliedern haben die beiden Völker ihre jeweilige nationale Kultur und Sprache über die Jahrhunderte der Fremdherrschaft bewahrt.

Alle drei Staaten sind eine kulturelle Bereicherung für Europa und es ist verständlich, dass sie angesichts einer großen russischen Minderheit die Zuwanderung von Menschen aus Nicht-EU-Ländern auf 1.200 (Estland) bzw. 1.500 (Lettland) begrenzen.

                                                                                                                                                                                                                                                             Karl Wilms